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"Bunkern, auf jeden Fall bunkern«

Hannoversche Allgemeine Zeitung, 01.09.2009

Joseph Beuys berühmte Arbeit „Capri-Batterie“ ist ein witziges Zweigespann aus Zitrone und gelber Glühbirne. Beuys suggeriert damit einen energetischen Kreislauf. Natur und Kultur scheinen einander wechselseitig aufzuladen. Trotz pfiffigen Ökodesigns ist das Objekt nach der neuen EU-Verordnung zur schrittweisen Abschaffung der Glühbirne – bis 2012 soll sie vollständig durch Sparlampen ersetzt sein – streng genommen ein verbotenes Kunstwerk. Könnte man die gelbe Glühbirne in der Beuys-Arbeit durch eine Energiesparlampe ersetzten? Robert Simon, Leiter des auf Lichtkunst spezialisierten Kunstmuseums in Celle, entfährt bei der Vorstellung ein bitteres Lachen. „Nein, das würde auf keinen Fall gehen. Beuys würde sich im Grabe umdrehen.“


Kunst mit Birne: Joseph Beuys „Capri-Batterie“ - dpa

In der Kunst zählt Authentizität und Materialechtheit in ganz besonderem Maße. Wer die Werke verändert, zerstört ihre Originalität. Birnenwechsel ist also nicht ohne Weiteres möglich bei Arbeiten etwa des Avantgardisten Laszlo Moholy-Nagy, der 140 Glühlampen zu einem „Licht-Raum-Modulator“ mit Licht- und Schattenwirkungen vereinte. Oder bei Martin Kippenbergers Straßenlaterne mit heimeligem Licht, an der Trunkene Halt finden können. Auch Ilya Kabakovs Rekonstruktionen des Sowjet-Klimas mit nackten Glühbirnen und die Glühbirnenwerke von Olafur Eliassons, Carsten Höller, Tony Oursler, Christian Boltanski, Tobias Rehberger und Stephan Huber – von ihm ist der schwankende Kronleuchter vor dem Kunstverein Hannover – würden ihre spezifische Ausstrahlung einbüßen. Hat ein Künstler bestimmt, dass in sein Werk eine Glühbirne geschraubt gehört, so halten sich Museumstechniker und Restauratoren in der Regel eisern an diese Vorgabe.

Deswegen bringt die neue europäische Ökodesign-Richtlinie 2005/32/EG, die keine Notfallklausel für Museen kennt, Museumsleute in die Bredouille. Wenn der Birnenvorrat verglüht ist, werden sie versuchen, Nachschub zu organisieren. Solange der Vorrat reicht, kann dieser freilich noch sorglos aufgebraucht werden. Händler aber, die der Verordnung zuwiderhandeln, müssen mit einem Bußgeld bis zu 50.000 Euro rechnen. Dem Prinzip Eichhörnchen hat sich unter anderem das Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) verschrieben. Etwa 4000 Glühbirnen seien vorsorglich eingelagert worden, sagt ZKM-Sprecherin Friederike Walter. Unter anderem leuchten im ZKM 89 Birnen in einer Arbeit von Tobias Rehberger („Anderer“). Auch der Lichtkünstler Joseph Zehrer und die ihn vertretende Galerie Nagel (Köln, Berlin) setzen auf Vorratshaltung.

„Bunkern, auf jeden Fall bunkern“, lautet die Devise der Galerie-Direktorin Bettina Rheinbay. Im Sprengel Museum in Hannover ist man froh, keine Werke mit Glühbirnen zu haben. In der Niedersächsischen Staatsoper herrscht Unsicherheit, ob die Ballett-Inszenierung „Lux/Rossini Cards“ (Choreografie Jörg Mannes), die in diesen Frühjahr Premiere hatte, noch in der originalen Form aufgeführt werden darf. In einer Szene gleiten nämlich 24 Glühbirnen vom Bühnenhimmel. Auch die Oper hält einen Vorrat. Etwa 2000 Glühbirnen seien eingelagert, sagt Susanne Reinhardt, die Leiterin der Beleuchtungsabteilung. Der Zuschauerraum wurde in diesem Sommer auf Energiesparlampen umgerüstet. Reinhardt hat Vorbehalte gegen das Ökolicht. „Mich stört der starke Grünanteil. Das lässt menschliche Haut fahl aussehen.“ Auf längere Sicht, glaubt die Beleuchtungsexpertin, werde sich unsere Wahrnehmung aber den neuen Gegebenheiten anpassen. So sei das schon bei der Einführung der Glühbirnen vor 130 Jahren gewesen, deren Schein gegenüber dem Kerzenlicht anfangs ebenfalls als kalt und hart empfunden worden sei.

Der Direktor des Wallraf-Richartz-Museums in Köln, Andreas Blühm, der immer wieder zu Lichtfragen Stellung bezieht, glaubt indes nicht an Gewöhnung. Leuchtstofflicht sei so kalt wie „ein Alpental“, sagt er. Es verfüge nur über einen Teil des Lichtspektrums, an das das menschliche Auge durch das Sonnenlicht gewöhnt sei. Die Bilder in den Museen würden im Ökolicht weniger differenziert aussehen. Die gewerbsmäßige Einfuhr von Glühlampen aus Übersee, hat Blühm in Erfahrung gebracht, ist illegal und wird mit Strafen geahndet. „Ich werde mir wie ein Junkie meine Lampen besorgen. Es wird uns nichts anderes übrig bleiben, als zu horten“, sagt der Museumsmann. Manche erinnert die Regelwut aus Brüssel an die Prohibitionszeiten, als Alkoholkonsum in Amerika verboten war und unterirdische Flüsterkneipen entstanden. Werden sich die Menschen in Zukunft in unterirdischen Räumen treffen, um sich ein wenig in Glühlampenlicht zu sonnen? Oder ist die Edison-Birne gar nicht unersetzlich und die Sorge vor einer Erkaltung der Lichtatmosphäre überzogen? Vielleicht wird es wie mit der CD sein: Schallplattenfanatiker hatten die Reduzierung des Tonspektrums beklagt, doch heute haben die meisten auf neue Tonträger umgestellt.

Der Lichtklimawandel erscheint unaufhaltbar: auf der Kirmes, im Theater, im Museum und zu Hause. Riesenradbetreiber betrifft es ebenso wie Schlossbesitzer, Hausfrauen wie Schauspieler (die sich bald nicht mehr vor Spiegeln schminken werden, die von Glühbirnen gerahmt sind). Die trotz ihrer Langlebigkeit und besseren ökologischen Bilanz umstrittene Energiesparlampe aber wird wohl nur ein Intermezzo sein. Die Zukunft, so sagen Experten, gehöre der LED-Technik. Der Lichtkunstexperte Robert Simon hat damit gute Erfahrungen gemacht: „Francesco Mariottis "Quantenlandschaft" leuchtet bei uns seit zehn Jahren, und noch nie musste eine der 8300 Leuchtdioden ausgewechselt werden.“